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   Hamburg - Die Spitzen des deutschen Journalismus diskutierten gestern kritisch in der Universität Hamburg über das Thema "Medien als vierte Gewalt im Staat?". Der Einladung der Studenten des Fachschaftsrats Osteuropastudien und ihrer 15 georgischen Gäste folgten Kuno Haberbusch (NDR), früher Leiter von "Panorama", heute von "Extra Drei" und "Zapp", Klaus Koch (dpa), Leiter des Medienressorts, Christian Neef, Leiter des Auslandsressorts beim "Spiegel", und Siegfried Weischenberg, Leiter des Hamburger Instituts für Journalistik und Kommunikation.

   "In Georgien waren die Medien für die Revolution verantwortlich und die erste Macht", erklärt die georgische Juristin Keti Wardiaschusili, "jetzt sind sie frei und die vierte Gewalt." Es werde gerade ein journalistischer Ethik-Kodex entwickelt.

   Einen solchen Presse-Kodex gibt es schon in Deutschland. Trotzdem nehmen die vier Medien-Experten den deutschen Journalismus in die Kritik. Die Recherche-Kultur würden nur sehr wenige Leute aufrecht halten, behauptet Haberbusch. Sein dpa-Kollege Koch bemängelt: "Die Politik reagiert mit Gesetzen auf Schlagzeilen, die durch Medien-Hysterie um exklusive Knüller entstanden." Er nennt die Kampfhunde-Verordnungen als Beispiel." Medienexperte Weischenberg mahnt: "Qualität rechnet sich nicht mehr." Er fordert eine finanzielle Beteiligung der Gesellschaft an den Medien.

   "Ist der ,Spiegel' als führendes Medium vierte Macht", fragt Diskussions-Moderatorin Christina Hebel vom Fachschaftsrat. Das will Christian Neef so nicht bejahen. "Aber deutsche Politiker suchen den Kontakt zu Journalisten." Die engen persönlichen Bindungen seien zwar auch problematisch, aber in Ländern, die erst jüngst die Pressefreiheit formal erlangt haben, wie Russland, stehen deutsche Journalisten auf der schwarzen Liste des Kreml, stehen unter Beobachtung - "die haben viel weniger Einfluss".

   Verblüfft über die offene Kritik der Journalisten an ihrer Zunft waren die 15 georgischen Gäste: "Das hätte ich nicht erwartet", sagt Keti Wardiaschusili erstaunt. jmg

(Quelle: Hamburger Abendblatt 15. Juli 2004 - Kultur/Medien)