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Das Gutachten wurde in unserem Auftrag von Frau Dr. Barbara Schöning MSc. PhD., Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz, Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie, erstellt. Frau Dr. Schöning ist Expertin für Tierverhaltenstherapie und Fachautorin.

Seit 1995 ist Frau Dr. Schöning in der Fortbildung in den Bereichen Tierverhalten und Verhaltenstherapie tätig, leitet Seminare für Tierärzte, Behörden und Tierbesitzer zu den Themen Verhaltenstherapie, Tierverhalten (Hund, Katze, Pferd), Erziehung und ethologische Grundlagen für die Durchführung von Wesenstests. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und wissenschaftlicher Fachartikel zum Thema Tierverhalten, Ausbildung und Verhaltenstherapie und arbeitet zurzeit auf dem Gebiet „Aggressionsverhalten beim Hund“.

Sie betreibt seit 2001 eine tierärztliche Gemeinschaftspraxis für Verhaltenstherapie und Hundeschule in Hamburg.

In ihrem Gutachten hat sie ausführlich zu der Frage Stellung genommen, ob Hunde bestimmter Rassen sich gegenüber Hunden von anderen Rassen durch ein gesteigertes Aggressionspotential und eine gesteigerte Gefährlichkeit auszeichnen.


In ihrem sehr ausführlichen Gutachten sollten folgende Fragen beantwortet werden:

1. Sind Hunde bestimmter Rassen gefährlicher als Hunde anderer Rassen?

Ist heute, 13 Jahre nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Gesetz zur Beschränkung des Verbringens oder zum Verbot der Einfuhr gefährlicher Hunde in das Inland (HundVerbrEinfG) vom 16.03.2004, die Annahme noch gerechtfertigt, dass Hunde bestimmter Rassen gefährlicher sind als Hunde anderer Rassen? Entspricht es dem gegenwärtigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass gesteigert aggressives Verhalten bei Hunden der im HundVerbrEinfG genannten Rassen/Typen öfter zu verzeichnen ist als bei Hunden anderer Rassen/Typen?

2. Gibt es Gene für „gesteigerte Aggression“?

Entspricht die im Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen - 1999) in der Passage "2.1.1.2.6 Verhaltensstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens" getroffene Aussage "Kann grundsätzlich in vielen Rassen oder Zuchtlinien auftreten, zeigt sich jedoch besonders ausgeprägt in bestimmten Zuchtlinien der Bullterrier, American Staffordshire Terrier und Pit Bull Terrier" dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand?

3. Gibt es körperliche Merkmale, die die im Gesetz genannten Rassen/Typen für Menschen oder Tiere gefährlicher machen als nach Gewicht/Größe etc. vergleichbare andere Hunderassen/-typen?

Finden sich angesichts des heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes wissenschaftlich belastbare Belege dafür, dass die Hunderassen American Staffordshire Terrier, Bullterrier sowie der Typ Pit Bull Terrier aufgrund körperlicher Merkmale gefährlicher sind als andere Hunde vergleichbarer körperlicher Konstitution?

4. Wenn es weder eine genetische Prädisposition für „gesteigerte Aggressivität“ gibt noch bestimmte körperliche Eigenschaften, die Hunde der genannten Rassen gefährlicher machen als gleich große/schwere Hunde anderer Rasse – woran kann es liegen, dass individuelle Hunde eine gesteigerte Aggressivität bzw. ein erhöhtes Gefahrenpotential aufweisen als andere Individuen?

Einige Kernaussagen des Gutachtens:

„Es gibt eine Reihe von Studien die sich mit den Faktoren befassen, die die Aggressions-bereitschaft von Individuen positiv oder negativ beeinflussen. Dabei fängt die negative Beeinflussung bereits im vorgeburtlichen Stadium an. Stress bei der Mutter (Die Hündin ist z.B. gestresst aufgrund von prekären Lebensumständen in der Massen-Welpenproduktion) führt dazu, dass die Nachkommen später auffällig sind hinsichtlich Stressintoleranz, und sozialer Inkompetenz – Eigenschaften, die die Bereitschaft für aggressives Verhalten fördern...

Mängel in der Sozialisationsphase der Hunde machen sich ebenfalls negativ bemerkbar. Mangelernährung, soziale- und Umweltdeprivation, unphysiologisch frühe Trennung von Mutter und Geschwistern, mangelhafte Brutpflege durch die Mutter (i.d.R. stressbedingt) führen zu sozialer Inkompetenz, mangelhaften Toleranzgrenzen für Stress und Frustration, mangelhafter Impulskontrolle und erhöhte Angstbereitschaft ... Aufgrund derartiger Mängel in der pränatalen Entwicklung und in der Sozialisationsphase kommt es zu einer generell unzureichenden neuronalen Vernetzung im Gehirn und unvollständigen Entwicklung der Neurotransmittersysteme (hier besonders das dopaminerge System). Besonders im Präfrontalkortex, neben anderen Bereichen des limbischen Systems, kommt es zu fehlerhaften und/oder reduzierten Gehirnaktivitäten als Ursache für die bereits zitierten Auffälligkeiten.

Pirrone et al. (2016) konnten zeigen, dass bei Hunden aus sogenannten „pet-shops“ ein größeres Risiko besteht, als erwachsene Hunde mit aggressivem Verhalten gegen die Besitzer aufzufallen, als bei Hunden aus der kontrollierten Zucht – unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Hunde nach der Übernahme vom Züchter oder Händler/Verkäufer gehalten wurden.

Casey at al. (2012, 2014) listen neben den zuvor genannten auch „Training mit aversiven Mitteln/Methoden“ und „mangelhaften Grundgehorsam“ als Faktoren, die das Auftreten von Aggressionsproblemen (Hund-Mensch und Hund-Hund) begünstigen. Dieser Zusammenhang war bereits von Hiby et al. (2004) genannt worden, und wurden ganz aktuell von Balint et al. (2017) und Ziv (2017) noch einmal bestätigt. Eigene Untersuchungen (Auswertungen an 850 Wesenstestergebnissen von Hunden) zeigten den gleichen Zusammenhang: Hunde mit Beißvorfällen zeigten meist einem mangelhaften Grundgehorsam und sie waren signifikant häufiger mit aversiven Methoden im Training ausgebildet worden.

Ein weiterer Faktor für eine gesteigerte Aggressivität bzw. ein höheres Gefahrenpotential individueller Hunde ist deren Gesundheitszustand. Untersuchungen an den genannten 850 Hunden konnten zeigen, dass es einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen Beißvorfällen und klinischen Erkrankungen gibt. In der überwiegenden Mehrzahl hatten die Hunde, die mit einem Beißvorfall auffällig geworden waren, orthopädische Probleme und damit chronische und/oder akute Schmerzen (Schöning, 2017).

Und nicht zuletzt muss bei dieser Frage auch der Faktor „Besitzer“ betrachtet werden: der Besitzer, der seinen Hund von der falschen Quelle kauft, nicht ausreichend sozialisiert, falsch bzw. gar nicht erzieht/ausbildet, nicht auf die Gesundheit achtet und generell eine mangelhafte Sachkunde zeigt, um effektive Gefahrenprävention zu betreiben. Im Grunde ist das Problem der „gefährlichen Hunde“ eher ein soziologisches Problem – nur wurde bislang dem „gefährlichen Besitzer“ nicht nur vom Gesetzgeber, sondern auch von der Wissenschaft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“

In der Zusammenfassung des Gutachtens kommt Frau Dr. Schöning zu folgendem Ergebnis:

„Zu versuchen, das Gefahrenpotential, welches aus jeder Hundehaltung entstehen kann, durch Stigmatisierung und Reglementierungen bestimmter Rassen zu senken ist eine Milchmädchenrechnung...

Das vorliegende Gutachten zeigt eine Auswahl an wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre zur Fragestellung „gibt es gefährliche Hunderassen und wenn ja, wodurch zeichnen sie sich aus“. Aus den zitierten Arbeiten wird deutlich, dass es keine „gefährlichen Rassen“ gibt. Da hier nur eine Auswahl an Arbeiten vorgestellt wurde (besonders bei der Frage 2 – Genetik) soll abschließend betont werden, dass es über den Zeitraum der letzten 13 Jahre nicht eine einzige Arbeit gegeben hat, die eine Unterteilung in „gefährliche und ungefährliche“ Rassen als sinnvoll und wissenschaftlich begründet befürwortet hat.

Die eingangs gestellten Fragen lassen sich abschließend wie folgt beantworten.

1. Sind Hunde bestimmter Rassen pauschal gefährlicher als Hunde anderer Rassen?

Nein.

2. Gibt es Gene für „gesteigerte Aggression“?

Nein – zumindest nicht als „Gen für Aggression“ identifizierbar.

3. Gibt es körperliche Merkmale, die die im Gesetz genannten Rassen/Typen für Menschen oder Tiere gefährlicher machen als nach Gewicht/Größe etc. vergleichbare andere Hunderassen/-typen?

Nein.

4. Wenn es weder eine genetische Prädisposition für „gesteigerte Aggressivität“ gibt noch bestimmte körperliche Eigenschaften Hunde der genannten Rassen gefährlicher machen als gleich große/schwere Hunde anderer Rasse – woran kann es liegen, dass individuelle Hunde eine gesteigerte Aggressivität bzw. ein erhöhtes Gefahrenpotential aufweisen als andere Individuen?

Aggressives Verhalten ist ein multifaktorielles Geschehen. Für jeden individuellen Hund müssen die Faktoren individuell betrachtet werden. Wenn erfolgreiche Prävention betrieben werden soll, dann sollte der Gesetzgeber bestimmten Faktoren (z.B. Hundehandel, Sachkunde beim Besitzer) verstärkt Aufmerksamkeit schenken. Damit wäre nicht nur Gefahrenprävention betrieben, sondern auch dem Tierschutz geholfen.“


Zusammenfassung von Anke-C. Schafft-Nielsen,
1. Vorsitzende