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Kommentar zum "Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)" – Verhaltensstörungen: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens.

   Vielfach wird die Passage des oben genannte "Gutachtens" von Journalisten und auch von einigen unaufgeklärten Politikern falsch interpretiert. Aus diesem Anlass möchten wir nachfolgend zum Gutachten selbst, zu den Fehlinterpretationen und anderen oft aufgegriffenen Vorurteilen und Behauptungen Stellung nehmen.




Aussage: Durch das benannte Gutachten liegen uns nun völlig neue Erkenntnisse vor.

   Richtig ist: Dem "Gutachten" liegen wissenschaftliche Arbeiten aus den Jahren 1967, 1971, 1995 und 1996 zugrunde. Von neuen Erkenntnissen kann somit wohl kaum die Sprache sein. Die Gutachten von 1967 - SCHENKEL, 1971 - FOX beziehen sich auf die Verhaltensweisen u. a. das Aggressionsverhalten von Wolf und Haushunden allgemein. Der amerikanische Biologe LOCKWOOD (1995) hat zum Thema sog. „Kampfhunde“ selbst noch keine einzige praktische Arbeit durchgeführt. Er verarbeitet und veröffentlicht lediglich Theorien, Statistiken und Meinungen. Zitat hierzu von Frau Dr. Feddersen-Petersen: "Als ich las, daß Herr Prof. Reetz neben einem alten Zitat von SCHENKEL über Wölfe und einer amerikanischen Arbeit, die allein Hypothesen aufzählte (völlig irrelevante Literatur für den angesprochenen Sachverhalt), meinen Namen mit einer mündlichen Mitteilung versehen hatte, die ja jeder Spekulation Tür und Tor öffnet..." 

   Einzig durch wissenschaftliche Arbeiten mit dem Thema „Kampfhunde“ betraut und im "Qualzuchtgutachten" namentlich benannte Fachkraft, ist Frau Dr. Feddersen-Petersen. Diese spricht sich aber, allgemein bekannt, gegen eine rassespezifische Gefährlichkeit aus. So auch in einem Schreiben an die Ministerpräsidentin von Schleswig - Holstein. Zitat: "Ich habe nie verhaltensgestörte Zuchtlinien von Bull Terriern, Pitbull Terriern und American Staffordshire Terriern aufgedeckt. Die Dissertationen und Diplomarbeiten über sog. Kampfhundrassen erbrachten eben sehr unterschiedliche Ergebnisse, zeigten die große Variabilität in der sozialen Potenz auch dieser Rassen.“




Aussage: Nach einem Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums sollen die Zuchtlinien Bullterrier, American Staffordshire Terrier und American Pitbull Terrier ausgerottet werden.

   Diese Behauptung ist kynologisch völlig falsch und gibt keinesfalls die Empfehlung des besagten "Gutachtens" korrekt wieder. Es existiert schlicht und ergreifend weder eine Zuchtlinie Bullterrier, American Staffordshire Terrier, Schäferhund, Dackel, Bernhardiner usw.. Bei einer Zuchtlinie kann es sich lediglich um eine geringe Teilpopulation einer Hunderasse handeln. Ein Züchter kann sich seine eigene Zuchtlinie aufbauen oder er baut seine Zucht auf eine vorhandene Zuchtlinie auf, kann seine Zucht aber auch völlig unabhängig von bestehenden Zuchtlinien betreiben.

   Das "Gutachten" empfiehlt auch keineswegs die Ausrottung, sondern einen Wesenstest für Zuchttiere der benannten Rassen um zu verhindern, dass Tiere aus Zuchtlinien mit Neigung zu übersteigert aggressivem Verhalten weiter zur Zucht verwendet werden. Wobei es dem besagten "Gutachten" selbst zur Rechtfertigung einer solche Maßnahme erheblich an Aussagekraft mangelt. Die betreffenden Untersuchungen (die aber im Qualzuchtgutachten nicht aufgeführt wurden) über Hunde der Rassen Bullterrier und American Staffordshire Terrier enthalten keine Zuchtlinienanalysen. Es wurden keine Zuchtlinien, sondern lediglich einzelne Zuchten untersucht. Insofern besagen die vorhandenen Untersuchungen noch nicht einmal, dass gesamte Zuchtlinien mit ererbter übersteigerter Aggressivität behaftet sind. Somit können die Untersuchungsergebnisse nicht auf komplette Zuchtlinien und schon gar nicht auf ganze Rassen pauschal übertragen werden.




Aussage: Experten des Bundeslandwirtschaftsministeriums haben festgestellt, dass die übersteigerte Aggressivität bei bestimmten Hunderassen genetisch bedingt ist. Das geht aus einem neuen, uns vorliegendem Gutachten hervor.

   Ganz klar steht im besagten Gutachten unter dem Begriff Genetik: Erbgang ist nicht geklärt, .... Der weitere Teil des Satzes bezieht sich auf die Erforschung des Aggressionsverhaltens von Haushunden allgemein (nicht auf die benannten inkriminierten Rassen), im Vergleich zum Aggressionsverhalten des Wolfes. Obwohl die abschließende Empfehlung auch andere Rückschlüsse zulässt, wurden bezüglich des Aggressionsverhaltens bis heute keine genetischen Untersuchungen durchgeführt. Insofern kann von einer gesicherten Feststellung überhaupt keine Rede sein. Des weiteren handelt es sich bei den Autoren des besagten "Gutachtens" mitnichten um Experten des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.





Weitere, von den Sensationsmedien immer wieder verbreitete Vorurteile bzw. Unwahrheiten:




Aussage: Die „Kampfhunderassen“ verfügen über enorme Beißkräfte

   Seit dem Einsetzen der "Kampfhunde"-Hysterie in Deutschland vor ca. 20 Jahren, jongliert die Boulevardpresse mit den wildesten Angaben bezüglich der Beißkraft von sog. "Kampfhunden". Die Angaben variieren zwischen 200 Kg und 4 Tonnen. Aber nicht nur die Werte selbst schwanken von einem Bericht zum anderen erheblich, sondern auch die Maßeinheiten variieren zwischen Kilogramm, Kilopond und Kilojoule. Fakt ist, das 1995 erstmals von Lindner, D. L., Maretta, S. M., Pijanowski, G. J., Johnsen, A. L., und Smith, Ch. W. Angaben über Beißkräfte von Hunden verschiedener Rassen seriös ermittelt wurden. Hierzu der Beitrag "Measurement of Bite Force in Dogs: A Pilot Study". Veröffentlicht in "J. Vet. Dent." 1995, (12) 2; 49-54.
  
   Die Untersuchungen von Hunden aus sieben verschiedenen Rassen (ohne Bulldogartige) ergaben, dass die Beißkraft der Tiere mit der Größe des einzelnen Individuums korreliert. Beispielsweise differierten die Messungen bei den 4 untersuchten Rottweilern zwischen 280 und 1200 kp. Ein Retriever erreichte ein Messergebnis von 480 kp. Ein identisches Resultat ergaben die Messungen bei Schimpansen, wo dass größte Tier das höchste Messergebnis erreichte (Moxham und Berkowitz – "The effects of external forces o­n the periodontal ligament; the response to axials loads", in: "The Periodontal Ligament in Health and Disease", Pergamon Press, New York 1982, pp. 249-68). Vergleichsweise hierzu: In einer Untersuchung über die Beißkraft von Menschen wurden Messergebnisse zwischen 100 und 1300 kp erreicht. Also, die der oben bezeichneten Rottweiler sogar übertroffen. ("Occlusal forces in normal- and long-faced adults", in J. dent. Res., 1983 (62); 566-71)




Aussage: Die „Kampfhunderassen“ verfügen über eine besondere Beißtechnik, einmal zugepackt lassen sie von ihren Opfern nicht mehr ab.
(Mit Vorliebe als „Beißkrampf“ tituliert. Gerne wird auch behauptet, dass die besagten Rassen über ein dreifaches Kiefergelenkt und/oder über 82 Zähne verfügen.)

   Es soll hier unstrittig sein, dass man durchaus einen Hund (jedweder Rasse) durch ein entsprechendes Training zu einem extrem festen Biss veranlassen kann. Dass aber jeder Hund der besagten Hunderassen naturgemäß über eine derartige Beißtechnik verfügt, ist schlicht und ergreifend ein Hirngespinst. Es soll auch hier nicht bestritten werden, dass eine solche Beißtechnik der Wunsch einiger perverser Hundekämpfer war, und auch heute noch ist. Jedoch werden derartige Kriterien, ebenso wie Kampftrieb und Härte, weder in den Rassestandards aufgeführt, noch von seriösen Züchtern der besagten Rassen gewünscht und gefördert. Ein derartiges Verhalten kann aber durchaus bei jedem Hund jedweder Rassen in extremen Konfliktsituationen wie z. B. Auseinandersetzungen mit Artgenossen auftreten. Ein Zitat hierzu aus einem Buch von Eberhard Trumler (Schüler von Konrad Lorenz und Leiter der Haustierkundlichen Forschungsstelle Grubmühle): „Hündinnen kennen keinen Kommentkampf, wenn sie mit einer Rivalin zusammenstoßen. Da geht es in der Regel um Leben und Tod. Sie sind im Ernstkampf noch leidenschaftlicher als Rüden - man könnte sie mit einem Schwert von vorne nach hinten in dünne Scheiben hacken - ihre Zähne würden nicht loslassen. (...) Was ich zuvor über den Ernstkampf von Rüden sagte, gilt hier noch viel mehr - dazwischenfassen ist schlicht und ergreifend Selbstmord!“ Anmerkung: Diese Erkenntnisse beziehen sich nicht etwa auf die als „Kampfhunde“ titulierten Hunderassen, sondern auf Forschungsergebnisse mit Dingos, Wölfen und Haushunden (Quelle: Trummlers Ratgeber für den Hundefreund, Piper und Co. Verlag 1977, Seite 53)

   Aus einer von Jesse M. Bridgers für die Faculty of the biology department, Presbyterian College aus dem Jahre 1988 durchgeführten Untersuchung geht hervor, dass der Kiefer des Pit Bull Terriers keine Besonderheiten aufweist, die eine verstärkte Beißkraft ermöglichen würde. Zitat: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass, während es eine enorme Variation an Hunderassen gibt, Pit Bull Terrier genau in das Muster der Variationen passen und sich nicht von anderen Hunderassen unterscheiden, Man kann sagen, dass Pit Bull Terrier keine mechanischen Anpassungen haben, die es ihnen ermöglichen würden eine höhere Bisskraft zu erlangen als andere Hunde; Ebenfalls haben sie keine Anpassungen, die ihnen einen festeren Halt beim Beißen geben. Die Daten wurden erhoben an 49 Schädeln verschiedener Rassen vom Toy bis zum Mastiff, unter ihnen drei Pit Bull Terrier."




Aussage: Diese Hunderassen werden zum Kämpfen gezüchtet.

   Die Zuchtkriterien von 1870 und früher, sind schon seit über 60 Jahren und länger nicht mehr Maßstab in der Zucht der besagten Hunderassen (siehe Rassestandards). Erklärt man einen solch weiten Rückgriff in die Geschichte und auf den damaligen Verwendungszweck der betreffenden Tiere für ein heute zulässiges objektives Beurteilungskriterium, so hätten demnach unsere guten alten Gebrauchshunderassen überhaupt keine Lebensberechtigung mehr. Betrachtet man deren Verwendung z. B. als Kriegshunde an der Front, als Bewacher und „Greifer“ der Häftlinge in den Konzentrationslagern und in gleicher Funktion an der Grenze zwischen West- und Ostdeutschland. Selbst heute im Dienst von Polizei, Bundesgrenzschutz, Zoll etc. werden sie zum Kampf und als Waffe gegen Menschen eingesetzt. Aber auch die Vertreter dieser Rassen werden nicht für ihren Verwendungszweck gebrauchsfertig gezüchtet und/oder geboren. Vielmehr bedarf es hier vorab einer Überprüfung der Eignung eines jeden Tieres und einer entsprechenden Ausbildung.

   Nicht anders verhält es sich mit Hunden, die für andere Aufgaben verwendet oder missbraucht werden bzw. wurden. Einige der als „Kampfhunde“ stigmatisierten Hunderassen wurden ausschließlich für die Verwendung zur Jagd auf Raubzeug gezüchtet und eingesetzt. Andere kommen in ihren Ursprungsländern ausschließlich zur Bewachung und Verteidigung der Viehherden gegen vierbeinige Räuber zum Einsatz. Der Kampf der Jäger und auch der Herdenschützer bezog sich also nicht auf den Menschen. Wiederum andere wurden eingesetzt, um gegen ihre Artgenossen zu kämpfen. Obwohl das die mit Abstand unrühmlichste Verwendung war, so wurde auch hier Aggressivität gegen Menschen nie gefördert und geduldet. Ganz im Gegenteil, sie wurde mit dem Tode bestraft. Nie wurden diese Hunde gegen Menschen eingesetzt! Wie auch der Einsatz unserer Gebrauchshunderassen, so wurden auch die sog. „Kampfhunderassen“ ausschließlich zum Nutzen des Menschen eingesetzt.




Aussage: Diese Hunde haben eine sehr niedrige Reizschwelle.

   Zwar wird der Begriff "Reizschwelle“ im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet, ist aber im Grunde genommen irreführend. Der übrige Teil dieser Aussage ist ebenso unzutreffend. Vielmehr ist es die Intensität des Reizes, die ein bestimmtes Verhalten bzw. eine Reaktion des Hundes auslöst und auch bestimmt, wie intensiv dieses Verhalten/die Reaktion des Hundes ausfällt. Die besagten Hunderassen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass besonders im Umgang mit dem Menschen die Stärke des Reizes schon sehr extrem sein muss, um eventuell eine bedrohliche Situation auszulösen. Was im allgemeinen Sprachgebrauch bedeuten würde, diese Hunderassen haben eine sehr hohe Reizschwelle.




Fazit:

   Die Behauptungen über enorme Beißkräfte, dreifache Kiefergelenke, Beißtechniken und Beißkrämpfe sind ebenso ein pures Medienprodukt, wie der Begriff Kampfhund selbst.


Verfasser: Thomas Henkenjohann im Oktober 2001