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Tierärzte fordern dauerhaft wirksame Lösungen für das "Kampfhunde-Problem"

 

   Massentötungen, Haltungs- und Zuchtverbote von Hunden einzelner bestimmter Rassen sind spektakulär und populär - aber ungeeignet, um den Menschen dauerhaft und wirksam vor "gefährlichen Hunden" zu schützen. Diese Position der deutschen Tierärzteschaft hat das Präsidium der Bundestierärztekammer in seiner Sitzung am 4. Juli in Bonn bekräftigt.

  "Heute sind es Pitbulls, Staffordshires und Bullterrier, morgen Rottweiler und Dobermänner und übermorgen dann vielleicht Riesenschnauzer und Golden Retriever, die von gewissenlosen Haltern auf Agressivität getrimmt werden, warnte Prof. Dr. Günter Pschorn, Präsident der Bundestierärztekammer. "Jeder Hund ist potenziell gefährlich und viele können zur ‚Kampfmaschine' abgerichtet werden." Maßregelungen für einzelne Rassen haben in der Vergangenheit nichts an der Beißstatistik geändert, weder in Deutschland noch in anderen Ländern. Belegt sei aber, dass die "einschlägige Szene" z.B. in Frankreich tatsächlich bereits auf neue Hunderassen umsteigt.

  "Natürlich muss der Mensch vor "gefährlichen Hunden" besser geschützt und tragische Ereignisse wie der Tod des kleinen Volkan in Hamburg künftig verhindert werden", betonte Pschorn. Es müssten aber Lösungen gewählt werden, die tatsächlich umsetzbar sind, effektiv und dauerhaft wirken und den Hund als Lebewesen und Begleiter des Menschen berücksichtigen. "Die Tierärzteschaft wird sich keinesfalls zum Erfüllungsgehilfen jahrelanger politischer Versäumnisse machen und entgegen ihrem Auftrag als ‚berufener Schützer der Tiere' wahllos und massenhaft Hunde nur wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse einschläfern."

   Als Maßnahmen, die schon kurzfristig Wirkung zeigen können, fordert die Bundestierärztekammer:

  • Personelle Verstärkung der zuständigen Behörden, um den Vollzug jedweder Bestimmungen
    überhaupt möglich zu machen
  • Kennzeichnungspflicht für alle Hunde, möglichst fälschungssicher und unverwechselbar per
    Mikrochip - ebenfalls, um den Vollzug zu ermöglichen
  • Leinen- und Maulkorbzwang für alle Hunde, die durch gesteigerte Aggressivität auffällig
    geworden sind
  • Anordnung aussagekräftiger Wesenstests für alle auffälligen Hunde; Durchführung durch
    fachkundige Tierärzte
  • Entscheidung über weitere Maßnahmen durch den Amtstierarzt aufgrund des Halterprofils, der
    Sachkunde des Halters und des Wesenstests; zu den möglichen Maßnahmen gehören das
    Hundehaltungsverbot, als letztes Mittel das Einschläfern des Hundes

   Aggressives Verhalten ist Teil des normalen Verhaltens eines jeden Hundes. Gefährlich wird ein Hund erst dann, wenn dieser Teil des Verhaltens abnorm gesteigert ist. Dies kann durch gezielte Dressur und auch durch gezielte Auswahl besonders aggressiver Tiere zur Zucht erreicht werden. Viel häufiger als die absichtliche Steigerung der Gefährlichkeit ist es aber, dass Züchter und Halter bereits beim Welpen - unwissentlich oder in "Massenzuchten" oft nachlässig - Fehler in der Erziehung machen. Solche Hunde haben nicht gelernt, "normal" auf Artgenossen und Menschen zu reagieren. Sie werden leichter aggressiv und beißen - nicht aus "Bösartigkeit" sondern aus Angst. In der Beißstatistik des Deutschen Städtetages sind dem entsprechend Hunde von 59 Rassen zu finden, darunter auch Dackel (Rang 8), Pekinesen und Pinscher. Die Spitzenposition nehmen Mischlinge und Schäferhunde ein, entsprechend ihrem hohen Anteil an der deutschen Hundepopulation.

Um den Menschen dauerhaft und wirkungsvoll vor gefährlichen Hunden zu schützen, fordert die Bundestierärztekammer deshalb mittel- und langfristige Maßnahmen, die vorbeugend wirken:

   • Verbot der Zucht (Kastration) von Hunden, die ein gesteigertes Aggressionsverhalten zeigen.
     Dies können einzelne Individuen sein oder Zuchtlinien innerhalb bestimmter Rassen.
   • Regelungen für die Aufzucht von Welpen, die Haltung und Betreuung von Hunden in einer
     bundesweiten Hunde(haltungs)Verordnung gemäß Tierschutzgesetz
   • Eine Beratung durch den Tierarzt bei der Anschaffung eines Hundes und für alle Anfänger in
    der Hundehaltung wird empfohlen.

   Schon im März dieses Jahres waren "gefährliche Hunde" ein Schwerpunktthema beim 22. Deutschen Tierärztetag in Würzburg. Den Beschlüssen und Forderungen, die dort gefasst wurden, stand als Präambel voran: "Die deutsche Tierärzteschaft ist sich der Gefahren bewusst, die von Hunden ausgehen können. Sie sieht ihre Rolle unter tierschützerischen und gesellschaftlichen Aspekten im Sinne der betroffenen Menschen und Hunde. Das Schutzbedürfnis des Menschen muss dabei gewahrt werden. Die Tierärzteschaft fordert eine differenzierte, sachliche und fachlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema." Eine der Würzburger Forderungen lautete darauf, die Hunde unabhängig von ihrer Rasse, also nach rasseneutralen Kriterien, zu beurteilen.

(Quelle: www.vetline.de, 04.07.2000)